Burn after Reading
Um Herr über meine Daten zu werden, ging ich zu einer Crypto Party. Was ich fand, war ein ungutes Gefühl.
In der digitalen Gegenwart gibt es kaum eine Stilblüte, die nicht zu absurd klingt: Crypto Party etwa. Schon mal gehört?
Der Ausdruck weckt Bilder von tanzenden Tech-Bros, die sich im Stroboskoplicht High Fives geben, weil der Bitcoin-Kurs gestiegen ist.
Aber hinter dem Feierversprechen verbirgt sich etwas anderes.
Ich bin auf dem Weg zu so einer Veranstaltung und dränge mich durch die Menschen auf der Warschauer Brücke, die in den Feierabend rempeln. Mich erwartet weder Party noch Coins oder schneller Reichtum. Das Cluboutfit habe ich zu Hause gelassen, stattdessen mehrere Pullis gegen die Kälte und im Rucksack ein alter Laptop. Die Party ist sowas wie eine Sprechstunde mit Computernerds.
Crypto kommt von Verschlüsselung, und Privatsphäre ist eine Illusion. Wie zum Beweis ragt über mir der Amazon-Tower in den Himmel, ein Symbol der digitalen Ökonomie, in der alles miteinander verbunden ist. Vor ein paar Wochen habe ich über Amazon einen Kamerablitz aus China bestellt. Die Bestellung sauste vermutlich durch Rechenzentren irgendwo in Berlin und den USA, wenige Tage später lag das Paket vor meiner Tür. Ich schaue nach oben: In fast allen Etagen brennt Licht.
Alles, was wir im Netz tun, hinterlässt Spuren. Aus diesen Daten lassen sich Vorlieben, Routinen, Gewohnheiten herauslesen – und zusammen ergeben sie ganze Persönlichkeitsprofile. Klicks, Bestellungen, Bewegungen, alles gespeichert, ausgewertet und überwacht von Konzernen und staatlichen Behörden. Kaum ein Bereich des Lebens funktioniert noch rein analog. Außer Atmen vielleicht.
Deswegen führt mich eine Frage in die linke Kneipe nach Friedrichshain zu dieser Party: Wie frei kann ich sein, wenn andere meine Daten kontrollieren?
Beim Eingang sitzt auf alten Sofas eine Gruppe junger Punks, die ein Plenum abhalten. Im hinteren Raum lehnt Felix an der Bar und dreht sich eine Kippe. Ein mittelalter, schlacksiger Typ mit orangefarbenem Halstuch und lockigem Pony. Der Tresen ist fast lückenlos mit Antifa-Stickern beklebt. „Du bist hier für die Crypto Party?“, fragt er. Ich nicke und nehme Platz.
Jeden vierten Dienstag des Monats organisiert Felix das Treffen. Es ist eine Mischung aus Aufklärung und dem Widerwillen, Daten Großkonzernen, Regierungen und wem sonst noch zu überlassen. Felix ist Informatiker und heißt eigentlich anders und in der Kneipe darf ich keine Fotos machen. Schließlich geht es ja um Datenschutz.
Mein Freund Alex kommt dazu, wir sind die einzigen bei dieser Party. Wir bestellen alkoholfreies Pils, das ein Altpunker mit spitzem Iro vor uns stellt.
Jahrelang flog ich durch das Internet mit der Unbeschwertheit eines ahnungslosen Bürgers. Meinem iPhone vertraute ich mein digitales Leben an, ohne im Ansatz zu verstehen, wie so ein Gerät funktioniert. Ich zählte zu denen, die dachten: „Ich habe nichts zu verbergen. Was wollen die denn ausgerechnet mit meinen Daten anstellen?“ Ich bekam ein bisschen Gänsehaut, als 2013 Edward J. Snowden enthüllte, dass die USA ihre eigenen Bürger im großen Stil bespitzelten. Das war’s.
Dieser Kokon bekam im letzten Herbst Risse bei einem Mittagessen mit einem befreundeten Informatiker. Er biss in seine Pizza Margherita und sagte: „Ich werde mir keinen Mac mehr kaufen.“ Er hätte auch sagen können, die Welt ist eine Scheibe. Das klang aus seinem Mund ebenso absurd, weil er schon immer ein Apple-Fanboy war. Schon in der Schule war er einer der ersten, die ein iPhone besaßen. Der Mac ist für ihn sowas wie ein Glaubenssatz. Das dachte ich zumindest. Jetzt sagte er: „Ey! Man ist komplett abhängig von denen.“ Ich schaute ihn an: „Was ist die Alternative?“ „Linux“, antwortete er.
Linux entstand Anfang der 90er, etwa zur gleichen Zeit wie Windows und macOS. Doch im Gegensatz zu den anderen beiden sollte Linux nie das große Geld bringen. Es ist kostenlos, es gibt keine Fallen in endlosen AGBs und der Aufbauplan ist frei verfügbar. Das System gehört allen. Open Source nennt man das. Dahinter steckt der philosophische Gedanke aus der Anfangszeit des Internets, Wissen sollte frei zugänglich sein. Linux ist sowas wie der antikapitalistische Punk in der Familie der Betriebssysteme. Felix sagt: „Linux ist keine Datenkrake.“
Am Tresen klappen Alex und ich unsere Laptops auf, um Linux zu installieren. „Bevor es losgeht, müsst ihr ins BIOS“, sagt Felix und ploppt ein Bier auf. BIOS ist sowas wie der Vorhof des Computers, ein Bereich, den normale Nutzer nie zu sehen bekommen. Um dorthin zu gelangen, drücken wir beim Hochfahren den ESC-, F1- und den F12-Button. „Einer wird schon funktionieren“, sagt Felix. Bei Alex kommt ein schwarzer Bildschirm und die Meldung: „Something has gone seriously wrong.“ Ein hilfesuchender Blick zu Felix. „Einfach neustarten.“
Bei mir öffnet sich das BIOS-Menü in blau und grau, mit grober, pixeliger Schrift, durch das ich mit den Pfeiltasten steuern kann. Es wirkt wie ein Fenster in die Vergangenheit, als Computerprogramme wie im Pacman-Spiel aus den 80ern aussahen. Als würde ich hinter einen Vorhang schauen, in den digitalen Maschinenraum. Ich denke an Karl Koch, den Hacker aus den 80ern, und den Film „23. Nichts ist so wie es scheint“ über ihn. Ich weiß nicht mehr genau, wie oft ich ihn mit 17 angeschaut habe.
Datensicherheit ist aber auch so ein Wort, das schnell nervt. Es klingt nach dem Kleingedruckten, das man wegklickt. Felix schaut mich entgeistert an. „Es kann einem doch nicht egal sein, dass Regierungen und Konzerne alles über dich wissen können, wenn sie wollen“, sagt er und zieht an einer Selbstgedrehten. Er zeichnet eine Dystopie, in der die über dich gesammelten Daten entscheiden, ob du einen Job bekommst, ob du wählen oder reisen darfst, oder ob du eingesperrt wirst.
Auf einmal bin ich mir gar nicht mehr sicher, ob wir nicht schon mit einem Bein in dieser Realität stehen. Mir kommt in den Sinn, dass vor einigen Monaten ein norwegischer Tourist angeblich nicht in die USA einreisen durfte, weil er auf seinem Smartphone ein Meme hatte, in dem der Vizepräsident JD Vance karikiert wurde. Ich las davon und merkte, wie sich etwas verschiebt.
Zwei der Plenumsaktivisten kommen an den Tresen: „Sag mal, können wir hier kiffen?“ „Na klar“, sagt der Iro. An ihnen vorbei zwängt sich Kalle zu uns durch, der zweite Host. Seinen Mantel legt er über den Barhocker und unter buschigen Augenbrauen schauen mich neugierige Augen an. Er wedelt mit einem USB-Stick in der Hand: „Da habe ich alles drauf. Tails, Mint, Ubuntu“, sagt er. Namen verschiedener Betriebssysteme, die auf Linux basieren.
Lange galt Linux als nerdig, als schwer zu verstehen und so benutzerfreundlich wie ein bissiger Hund. Aber diese Zeiten sind vorbei. Ubuntu sieht auf den ersten Blick nicht viel anders aus als Windows. Die meisten Android-Smartphones laufen sogar mit Linux. Und letztes Jahr hat Schleswig-Holstein seine Landesverwaltung auf Linux umgestellt und soll damit 15 Millionen Euro Lizenzgebühren einsparen.
„Ich habe mir auch ein eigenes Linux-System gebaut, das basiert auf Arch“, bricht es aus Kalle hervor. Felix scheint zu verstehen, was der Mann mit den langen weißen Haaren sagt. Mein Blick wandert zwischen den beiden hin und her. „Und was bedeutet das?“, frage ich. „Voll hardcore“, sagt Kalle und seine Augenbrauen wackeln ein bisschen. Ich verstehe nichts.
Felix und Kalle wirken wie zwei, die am Rand der digitalen Mehrheitsgesellschaft leben. Sie verstehen den Code, der alles um uns herum verbindet. Von Kalles Stick öffnet sich auf meinem Bildschirm ein Installationsmenü, Windows runter, Ubuntu rauf. Als der Ladebalken am Ende ist, erscheint mein neuer Desktop. „Ahh, da ist das System mit der großen Krone“, raunt Kalle. Sie ist das Ubuntu-Emblem. Ein König hat eine Krone. Also herrsche ich ab sofort über meine Daten, denke ich.
Mit zwei Klicks öffnet Kalle ein schwarzes Fenster mit blinkender Eingabezeile. Von hier kommt man zum Skelett des Systems, zum Code. „Jetzt hast du die volle Kontrolle“, sagt Kalle. Und Felix lehnt sich über den Tresen: „Mit nur einem Befehl könntest du den ganzen Computer löschen.“
Allmählich fange ich an zu verstehen, dass mit Linux nicht automatisch meine Daten sicher sind, dass ich immer noch gehackt werden kann, und dass ich im Internet weiterhin Spuren hinterlasse. Aber Linux ist die Grundlage, es legt offen, wie all das funktioniert. Und liegt am Ende nicht die Freiheit als digitaler Erdenbewohner darin, selbst zu entscheiden, wann man den Stecker zieht.
Aber warum sollte ich den Computer löschen? „Na, wenn es morgens um vier mal an deiner Tür hämmert“, sagt Felix und imitiert die Schläge. Duff, Duff, Duff. „Dann springst du aus dem Bett und gibst das ein. Dann sind alle Daten weg.“ Da blitzt sie wieder durch, diese Dystopie: in einer Welt zu leben, in der man ausgeliefert und fremdbestimmt ist. Burn after Reading, denke ich.
Bis bald,
Torben
PS: Leite diesen Text an möglichst viele Menschen weiter, die denken, sie hätten im Netz sowieso nichts zu verbergen.




Man macht sich in der Tat viel zu wenig Gedanken über das Internet und dessen Anwendung. Dein Text rüttelt wach 👍